Das Jahresende ist eine Zeit erhöhter Aktivität. Die Straßen sind voller, Routinen werden unterbrochen, und Fahrer stehen unter größerer kognitiver Belastung als gewöhnlich. Reisepläne, familiäre Abstimmung, Geschenkeeinkäufe und ständige Benachrichtigungen konkurrieren alle um Aufmerksamkeit – oft, während Menschen am Steuer sitzen.
Mobilitätsdaten zeigen konsistent, dass die Nutzung von Mobiltelefonen während der Fahrt in Ferienzeiten zunimmt. In einer groß angelegten Analyse von Dolphin Technologies, die rund 40.000 Fahrer über zwei Jahre abdeckte, verbrachten Fahrer etwa 25 % ihrer Fahrzeit mit der Nutzung des Telefons in der Weihnachtszeit, gegenüber ungefähr 19 % im restlichen Jahr. Das ist kein marginaler Effekt, sondern eine deutliche Verhaltensverschiebung, die mit einer der unfallträchtigsten Zeiten des Jahres zusammenfällt.
Für Versicherer und Mobilitätsakteure geht es bei diesem Muster weniger um saisonale Anekdoten als darum zu verstehen, wie Kontext, Anreize und Timing das Risiko beeinflussen – und wie sich dieses Risiko reduzieren lässt, ohne auf Bestrafung oder pauschale Einschränkungen zu setzen.
Warum Feiertage das Ablenkungsrisiko verstärken
Fahren an Feiertagen unterscheidet sich in mehreren wichtigen Punkten vom täglichen Pendeln.
Erstens ändern sich die Fahrtmuster. Fahrer unternehmen mehr kurze, unregelmäßige Fahrten – Besorgungen in letzter Minute, unbekannte Strecken und Fahrten mit mehreren Stopps unter Zeitdruck. Diese Situationen bergen bereits ein höheres Basisrisiko, noch bevor Ablenkung hinzukommt.
Zweitens steigt die kognitive Belastung. Fahrer stimmen sich mit Familie und Freunden ab, reagieren auf Nachrichten zu sich ändernden Plänen und bewegen sich in überfüllten Umgebungen. Smartphones werden eher als Koordinationswerkzeug wahrgenommen denn als Ablenkung – was Selbstregulation erschwert.
Drittens tragen Kontrolle und Strafen wenig dazu bei, das zugrunde liegende Verhalten zu adressieren. Den meisten Fahrern ist bereits klar, dass die Nutzung des Telefons während der Fahrt gefährlich ist. Doch Wissen allein verändert Verhalten selten, besonders in emotional aufgeladenen oder zeitkritischen Situationen.
Was Mobilitätsdaten über die Telefonnutzung am Steuer zeigen
Die Feiertagsanalyse von Dolphin Technologies basiert auf aggregierten Smartphone-Telematikdaten, die über Zehntausende Fahrer erhoben wurden. Die Studie konzentrierte sich auf aktive Telefoninteraktion während der Fahrt – nicht nur auf Anrufe oder Nachrichten, sondern auf jede Form der Bildschirminteraktion, die visuelle und kognitive Aufmerksamkeit von der Straße ablenkt.
Smartphone-basierte Telematik ermöglicht es, Ablenkung objektiv und in großem Maßstab zu messen. Anstatt sich nur auf Selbstberichte oder Unfallstatistiken zu stützen, können Versicherer beobachten, wie oft und wie lange Fahrer während Fahrten mit ihren Telefonen interagieren.
Über große Fahrerpopulationen hinweg zeigt sich ein klares Muster: In Ferienzeiten steigt der Anteil der Fahrzeit mit aktiver Smartphone-Interaktion im Vergleich zu Basiswochen deutlich an. Rund um Weihnachten weist jede vierte Fahrminute irgendeine Form der Telefoninteraktion auf – ein Maß an Ablenkung, das die gesamte Risikobelastung spürbar verändert. Dieser Anstieg geht mit Spitzen in der Schadenshäufigkeit einher, insbesondere bei Kollisionen bei niedriger Geschwindigkeit und Vorfällen in städtischen Bereichen.
Die wichtige Erkenntnis aus den Daten ist nicht nur, dass die Ablenkung steigt – sondern dass sie in bestimmten Kontexten vorhersagbar ansteigt. Die Telefonnutzung an Feiertagen konzentriert sich besonders auf kurze Fahrten, innerstädtische Straßen und vertraute Strecken in Wohnortnähe, wo Fahrer dazu neigen, Risiken zu unterschätzen und ihre Multitasking-Fähigkeit zu überschätzen.
Ablenkung ist ein Verhaltensproblem, kein Wissensproblem
Traditionelle Verkehrssicherheitsansätze gehen oft davon aus, dass bessere Information oder strengere Strafen Ablenkung lösen werden. In Wirklichkeit wird die Telefonnutzung am Steuer von verhaltensbezogenen Rückkopplungsschleifen angetrieben.
Jedes Mal, wenn ein Fahrer eine Nachricht prüft und nichts passiert, lernt das Gehirn die falsche Lektion: dass das Verhalten sicherer ist als erwartet. Mit der Zeit verstärkt dies die Gewohnheit – bis schließlich ein Unfall passiert.
Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, braucht es zeitnahes Feedback und positive Verstärkung, nicht verzögerte Bestrafung. Hier wird Telematik-basiertes Engagement relevant.
Wie Versicherer das telefonbezogene Risiko reduzieren können, ohne Fahrer zu überwachen
Die wirkungsvollsten Interventionen setzen auf Prävention statt auf Durchsetzung.
Anstatt einzelne Nachrichten oder Inhalte zu überwachen, kann Smartphone-Telematik Interaktionsmuster erkennen – wann und wie oft das Telefon während der Fahrt genutzt wird – und in angemessener Weise darauf reagieren.
Beispiele sind:
- Kontextsensitives Feedback nach Fahrten, das Ablenkungsrisiken hervorhebt, ohne zu beschämen
- Kurzfristige Herausforderungen in Hochrisikoperioden (wie Feiertagen), die telefonfreies Fahren fördern
- Anreizgetriebene Belohnungen, die sicheres Verhalten unmittelbar spürbar machen
- Prädiktive Warnungen vor Fahrten, die historisch ein höheres Ablenkungsrisiko aufweisen
Diese Ansätze bringen Anreize mit Sicherheit in Einklang und respektieren gleichzeitig die Privatsphäre und Autonomie der Nutzer.
Von saisonalen Spitzen zu langfristiger Verhaltensänderung
Spitzen der Ablenkung an Feiertagen erinnern daran, dass Risiko dynamisch ist. Es verändert sich mit Kontext, Routinen und emotionalem Zustand – nicht nur mit dem Alter des Fahrers oder dem Fahrzeugtyp.
Für Versicherer unterstreicht dies den Wert verhaltens- und expositionsbasierter Erkenntnisse, die traditionellen aktuariellen Modelle ergänzen. Durch das Verständnis, wann und warum Ablenkung zunimmt, können Versicherer Interventionen gestalten, die Schäden tatsächlich reduzieren, statt Risiko lediglich neu zu bepreisen.
Das Ziel ist nicht, Smartphones aus dem Alltag zu verbannen, sondern Fahrern zu helfen, sie genau in den Momenten weniger zu nutzen, in denen Aufmerksamkeit am meisten zählt.
Warum das über Weihnachten hinaus wichtig ist
Auch wenn die Feiertage ein klares Beispiel liefern, ist die zugrunde liegende Lehre breiter. Das Ablenkungsrisiko steigt immer dann, wenn Routinen aufbrechen – während Urlaubszeiten, stressigen Lebensereignissen oder Phasen hoher Koordinationsanforderungen.
Versicherer und Mobilitätsanbieter, die diese Momente erkennen – und mit zeitnahen, menschenzentrierten Interventionen reagieren – entwickeln sich von passiven Risikoträgern zu aktiven Partnern für sichere Mobilität.
Dieser Wandel ist der Bereich, in dem Telematik ihren echten Wert liefert: nicht darin, Verhalten im Nachhinein zu bewerten, sondern Menschen dabei zu helfen, Unfälle zu vermeiden, bevor sie passieren.