Für Versicherer findet Corporate Social Responsibility (CSR) oft außerhalb des Kernprodukts statt. Sie existiert in Berichten, Kampagnen oder einmaligen Initiativen und ist vom alltäglichen Kundenverhalten entkoppelt.
Die meisten Menschen wollen Gutes tun. Das Problem ist nicht die Absicht, sondern die Reibung.
Traditionelle Spendenmodelle verlangen Aufmerksamkeit, Entscheidungen und wiederholtes Handeln: hier spenden, dort anmelden, daran denken, erneut beizutragen. Selbst wenn das Anliegen sinnvoll ist, sinkt die Beteiligung, sobald der Moment vorbei ist.
Verhaltensbasierte Versicherung eröffnet einen anderen Weg. Anstatt Kundinnen und Kunden zu bitten, aktiv etwas Zusätzliches zu tun, können Versicherer positives Alltagsverhalten mit realen Auswirkungen anderswo verknüpfen. Sicheres Fahren wird zum Auslöser. Sozialer Nutzen wird zum Nebenprodukt.
Dieser Ansatz verwandelt Corporate Social Responsibility von einer Kampagne in ein System – eingebettet in den Alltag, messbar und emotional wirksam, ohne aufdringlich zu sein.
Warum traditionelle CSR im Versicherungswesen oft schwerfällt
Viele von Versicherern initiierte CSR-Maßnahmen sind gut gemeint, aber strukturell schwach.
Sie befinden sich typischerweise außerhalb des Kernprodukts, stützen sich auf einmalige Kommunikationsschübe und konkurrieren mit zahllosen anderen Aufmerksamkeitsappellen. Von Kundinnen und Kunden wird erwartet, bewusst mitzuwirken, zu spenden oder daran zu denken, erneut teilzunehmen.
Aus verhaltenspsychologischer Sicht ist das eine hohe Hürde. Gute Vorsätze verblassen schnell, wenn sie Aufwand, wiederholte Entscheidungen oder moralischen Druck erfordern.
In der Folge wird CSR zu etwas, worüber Versicherer sprechen, statt zu etwas, das Kundinnen und Kunden erleben.
Die Kraft von „Wohltätigkeit als Nebenprodukt“
Ein wirkungsvolleres Modell eliminiert die Notwendigkeit bewussten Handelns vollständig.
In einem Nebenprodukt-Wohltätigkeitsmodell tragen Menschen allein dadurch bei, dass sie sich in ihrem normalen Alltag gut verhalten. Es gibt keine Spendenentscheidung, keinen zusätzlichen Schritt und keinen Trade-off. Der individuelle Nutzen und der gesellschaftliche Nutzen sind bewusst entkoppelt.
Sicheres Fahren ist ein besonders starker Auslöser für diesen Ansatz:
- Es wird in vielen Versicherungskontexten bereits überwacht
- Es steht im Einklang mit den Präventionszielen der Versicherer
- Es kommt häufig und kontinuierlich vor
- Es erfordert von Nutzerinnen und Nutzern keine Verhaltensänderungen über das hinaus, was sie ohnehin vorhaben
Wenn gutes Verhalten automatisch anderswo Wert stiftet, wird Teilnahme mühelos – und damit skalierbar.
Von sicherem Fahren zu globaler Wirkung
Ein konkretes Beispiel für dieses Prinzip ist die Zusammenarbeit zwischen Versicherern, Telematikprogrammen und internationalen Hilfsorganisationen wie Light for the World.
Eine bekannte Umsetzung dieses Modells wurde gemeinsam mit UNIQA realisiert, bei der sicheres Fahrverhalten in greifbare soziale Wirkung jenseits des Versicherungskontexts übersetzt wurde. Fahrerinnen und Fahrer spendeten kein Geld direkt, noch wurden sie gebeten, sich mit einem separaten Spendenprozess zu beschäftigen. Stattdessen erzeugte alltägliches Fahrverhalten – gemessen durch Telematik – automatisch Unterstützung für soziale Projekte, die den Zugang zu Augenheilkunde und Sehversorgung in unterversorgten Regionen fördern.
In diesem Setup ist der Zweck bewusst nicht mit dem Fahren verbunden. Diese Distanz ist wichtig. Sie unterstreicht, dass der Beitrag echt ist, nicht eigennützig und kein verkappter Rabatt oder Marketingmechanismus.
Für die Fahrerin oder den Fahrer bleibt das Erlebnis bewusst einfach: gut fahren, und irgendwo anders geschieht etwas Gutes. Keine Dashboards, kein Schuldgefühl, kein Druck.
Warum Telematik der Ermöglicher ist – nicht die Botschaft
Die Rolle der Telematik in diesem Modell ist rein instrumentell.
Sie bietet eine glaubwürdige, automatisierte Möglichkeit, um:
- Verhalten konsistent zu beobachten
- Verhalten in ein neutrales Wertesignal zu übersetzen
- Beiträge ohne manuelle Eingriffe auszulösen
Wichtig ist: Telematik muss nicht im Vordergrund stehen. Der Erfolg dieses Modells hängt von Zurückhaltung ab. Das Übererklären der Technologie oder ein Übermaß an Gamification gefährdet die Authentizität der Wirkung.
In ihrer besten Form tritt die Telematik in den Hintergrund – und ermöglicht leise ein System, das sich eher menschlich als technisch anfühlt.
Was Versicherer gewinnen, ohne zu verkaufen
Für Versicherer gehen die Vorteile verhaltensbasierter CSR über die Reputation hinaus.
Erstens stärkt sie die emotionale Bindung. Kundinnen und Kunden sind nicht nur versichert; sie nehmen durch ihr Alltagsverhalten still an etwas Bedeutsamem teil.
Zweitens verbindet sie CSR mit Prävention. Sicheres Fahren wird ohne Strafe oder angstbasierte Botschaften gefördert und stärkt die langfristigen Risikoreduktionsziele der Versicherer.
Drittens bietet sie eine glaubwürdige Nachhaltigkeitsgeschichte, die messbar und fortlaufend ist – statt symbolisch oder kampagnengetrieben.
Entscheidend ist: Nichts davon erfordert aggressive Promotion. Der Wert entsteht durch Teilnahme, nicht durch Überredung.
Ein wiederverwendbares Modell, keine einmalige Initiative
Die wichtigste Erkenntnis ist, dass es hier nicht um eine einzelne Wohltätigkeitsorganisation oder Kampagne geht.
Die gleiche Struktur lässt sich auf unterschiedliche Anliegen, Regionen oder Prioritäten von Versicherern anwenden – solange das Kernprinzip gilt: Positives Verhalten schafft andernorts automatisch Wert.
Für Versicherer, die erforschen, wie CSR greifbar, skalierbar und emotional glaubwürdig gemacht werden kann, bieten verhaltensbasierte Modelle eine überzeugende Alternative zu traditionellen Ansätzen.
Sie zeigen, dass Gutes zu tun nicht immer bedeutet, den Kundinnen und Kunden mehr abzuverlangen – manchmal reicht es, das, was sie ohnehin tun, mit Ergebnissen zu verbinden, die zählen.